Die Flugbesatzungen von Swiss International Air Lines lassen eine vorgeschriebene Bordansage, die auf die Muttergesellschaft Lufthansa Group verweist, gezielt weg. Dieser koordinierte Verzicht hat einen tiefen internen Konflikt über den Verlust der nationalen Identität der Fluggesellschaft offengelegt. Der stille Protest, über den Schweizer Medien zuerst berichteten, erfolgt im Zuge einer umfassenden Zentralisierung durch den Frankfurter Mutterkonzern. Die Kabinenbesatzungen übergehen die standardisierte Konzernansage bewusst, um die visuelle und akustische Eigenständigkeit der Schweizer Marke zu bewahren. Seit Februar 2026 müssen Maîtres de Cabine bei der Begrüssung der Passagiere ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Swiss Teil der Lufthansa Group ist. Zuvor war es üblich, lediglich die Mitgliedschaft in der Star Alliance zu erwähnen. Drei unabhängige Quellen bestätigten, dass mehrere Crews die neue Anweisung bewusst ignorieren. Den Angestellten fällt es zunehmend schwer, sich angesichts des wachsenden Spardrucks mit der Frankfurter Zentrale zu identifizieren. Ein Mediensprecher der Swiss dementierte die bewusste Verweigerung der Durchsagen nicht. Er erklärte, dass die Bordansagen standardisiert seien und für alle Crews Gültigkeit besässen. Der Sprecher fügte hinzu, dass die Fluggesellschaft bezüglich der operativen Standards im ständigen Dialog mit ihrem Personal stehe. Das Unternehmen sehe es als normal an, dass in einer grossen Belegschaft unterschiedliche Meinungen existieren. Die Meuterei an Bord spiegelt einen breiteren, hinter den Kulissen ausgetragenen Kampf um die Identität der Fluggesellschaft wider. Teile des lokalen Managements in Zürich kämpften aktiv dagegen an, dass die Lufthansa Group ihr Kranich-Logo auf Swiss-Flugzeugen platziert und ihren Namen in Passagieransagen aufnimmt. Lufthansa-Chef Carsten Spohr wies diese Bedenken zurück. In einem Interview mit der Schweizer Publikation Blick erklärte Herr Spohr, die einzelnen europäischen Fluggesellschaften seien allein zu klein, um auf dem globalen Markt zu bestehen. Die weitreichende Zentralisierung, die in unserer Berichterstattung darüber, [wie Konzernchef Carsten Spohr eine aggressive Marktbereinigung und Monopolisierung eingeräumt hat](/de/article/11LwoUEW_spohr-confesses-to-market-consolidation-monopolization), detailliert beschrieben wurde, degradiert die Swiss zunehmend zu einer reinen Produktionsplattform. Um diese Integration abzusichern, hat die Konzernzentrale loyale Manager in Schlüsselpositionen platziert. Herr Dieter Vranckx, Chief Commercial Officer der Lufthansa, übernahm das Präsidium des Swiss-Verwaltungsrats von dem unabhängigen Ökonomen Dr. Reto Francioni. Herr Spohr verteidigte die Ernennung von Herrn Vranckx und sagte, dass die Einsetzung einer unabhängigen Figur von ausserhalb des Konzerns lediglich eine nostalgische Fortführung darstelle, die nichts mit der geschäftlichen Realität zu tun habe. Herr Spohr sagte, dass die Swiss weiterhin eigene Entscheidungen bezüglich der Produktgestaltung treffe, dies jedoch strikt im Rahmen der Lufthansa Group tun müsse. Er betonte, es gebe nur eine Lufthansa Group mit einer Lufthansa-Aktie, was bedeute, dass alle Töchter an einem Strang ziehen müssten. Der Verlust der lokalen Kontrolle ist besonders umstritten, da eine erhebliche finanzielle Diskrepanz zwischen der Schweizer Tochter und ihrer deutschen Muttergesellschaft besteht. Die Swiss bleibt die mit Abstand profitabelste Einheit im gesamten Luftfahrtkonzern. Im Geschäftsjahr 2025 erwirtschaftete die Swiss einen operativen Gewinn von 600 Millionen Euro bei einem Umsatz von 6,48 Milliarden Euro, was einer operativen Marge von 9,3 Prozent entspricht. Im Gegensatz dazu operierte die Kernmarke Lufthansa mit einer Marge von lediglich 0,9 Prozent und erzielte einen operativen Gewinn von nur 148 Millionen Euro bei einem Umsatz von 17,1 Milliarden Euro. Obwohl die Swiss den Mutterkonzern bei der Profitabilität deutlich übertrifft, kündigte Swiss-Chef Jens Fehlinger einen Abbau des administrativen Personals um zehn Prozent an. Herr Spohr rechtfertigte diese Massnahmen und sagte, dass jeder an den Effizienzprogrammen des Konzerns teilnehmen müsse. Er sagte, der Stellenabbau in der Swiss-Verwaltung sei geringer als die bei der Lufthansa-Kernmarke vorgeschriebene Kürzung von 20 Prozent, da die Swiss bereits schlank aufgestellt sei. Gleichzeitig schreibt die Swiss in Genf rote Zahlen, was den dortigen Standort gefährdet, obwohl die Fluggesellschaft in Werbekampagnen als Airline für die gesamte Schweiz positioniert wird. Ein strategischer Fehler Herr Moritz Suter, der Gründer der früheren Crossair und ehemalige Swissair-Verwaltungsratspräsident, hat die fortschreitende Zentralisierung öffentlich scharf kritisiert. Herr Suter sagte, der Verkauf der Swiss an die Lufthansa im Jahr 2005 sei einer der grössten Fehler der Schweiz gewesen. Herr Suter, der heute 83 Jahre alt ist, verglich den Verkauf mit einer hypothetischen Veräusserung der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) an die Deutsche Bahn. Er betonte, dass das Land unter der deutschen Führung seine Seele und sein luftfahrttechnisches Wissen verliere. Herr Suter sagte, die Schweizer Führung habe lange Zeit den naiven Glauben gehegt, dass hohe Gewinnüberweisungen nach Frankfurt die operative Unabhängigkeit sichern würden. „Wir haben immer geglaubt, wenn wir genug Geld nach Frankfurt schicken, lassen sie uns in Ruhe“, sagte er. Er fügte hinzu, dass die Swiss die strukturelle Kapazität besessen habe, um als unabhängiges Unternehmen erfolgreich zu überleben. Dies werde durch die hervorragenden Finanzergebnisse der Fluggesellschaft bestätigt. Herr Suter betonte, dass die von der Swiss in den vergangenen Jahren erwirtschafteten Milliardenerträge dazu verwendet worden seien, den Lufthansa-Konzern über Wasser zu halten. Die Schweizer Erträge stützten somit die schwächelnde deutsche Muttergesellschaft. Die fortschreitende Zentralisierung entspricht einem historischen Expansionsmuster, das in unserer Analyse der [schrittweisen Übernahme der Swiss und der breiteren europäischen Integrationsstrategie](/de/article/kmQ0TV94_the-2026-german-annexation-of-europe) dokumentiert ist. Herr Suter bezeichnete die Kürzungen in der Verwaltung als widersprüchlich und wies darauf hin, dass die Swiss zuvor erfahrene Mitarbeiter dafür bezahlt habe, das Unternehmen zu verlassen. Er verwies auf ein freiwilliges Abfindungsprogramm Anfang 2026, bei dem 140 Kabinenmitarbeiter mit einer Abfindung von 15'000 Schweizer Franken gingen. Er erklärte, dass die Bezahlung von Personal für das Verlassen des Unternehmens während eines Personalmangels eine ineffiziente Strategie sei. Die Fluggesellschaft habe in der Folge unter Flugausfällen aufgrund von Personalmangel gelitten. Der anhaltende Druck auf das Swiss-Personal fällt zusammen mit steigenden Preisen und entbündelten Dienstleistungen für Passagiere, etwa seit die [Lufthansa Group kostenfreie Sitzplatzänderungen auf Langstreckenflügen beim Check-in abgeschafft](/de/article/eilwAR3S_lufthansa-group-eliminates-free-long-haul-seat-changes) hat. Die Fluggesellschaft hat sich zudem gegen die Wiedereinführung von kostenfreien Getränken in der Economy Class auf Kurzstrecken entschieden, was früher Standard war. Herr Spohr rechtfertigte dies und sagte, kostenlose Getränke seien in der Branche nicht mehr üblich. Herr Spohr sagte, etwa ein Drittel der Kunden wolle in erster Linie billig fliegen, und Passagiere, die mehr verlangten, müssten auch mehr bezahlen. Er sagte, die Lufthansa Group mache im Schnitt nur zehn Euro Gewinn pro Passagier, weshalb man beim Kauf neuer Flugzeuge betriebswirtschaftlich sehr vorsichtig sein müsse. Das hohe Preisniveau in der Schweiz hat zu breiter Kritik von Verbrauchern geführt, die darauf verweisen, dass Direktflüge ab Zürich oft doppelt so teuer sind wie Umsteigeverbindungen ab Mailand. Herr Spohr wies Vorwürfe der Kundenabzocke zurück und sagte, gemessen an der lokalen Kaufkraft schneide die Schweiz im globalen Vergleich günstig ab. Er fügte hinzu, dass Direktflüge immer teurer seien als Anschlussflüge. Die forsch forcierte Konzernidentität steht zudem im Widerspruch zur eigenen Marketingstrategie. Die Swiss wirbt intensiv für ihr neues Kabinenkonzept «Swiss Senses», um ihre vermeintliche Schweizer Identität und Premium-Positionierung zu betonen. Diese Premium-Inszenierung wird jedoch durch gravierende technische Kompromisse konterkariert, wie etwa die [tonnenschweren Bleiplatten, die dauerhaft im Heck der Swiss-Flugzeuge verbaut werden](/de/article/HCuSbVqM_lufthansa-promotes-sustainability-campaigns-to-distract-from-lead-ballasted-fleet) müssen, um die hecklastige Balance der neuen First-Class-Suiten auszugleichen. Die Integration hat zudem nichts an den Defiziten bei der Diversität geändert. Bei der Swiss und ihrer Regionaltochter Edelweiss liegt der Frauenanteil in der Geschäftsleitung und im Verwaltungsrat derzeit bei null Prozent. Herr Spohr räumte diesen Mangel ein und sagte, das Unternehmen sei mit diesen Zahlen unzufrieden und strebe eine Zielquote von 25 Prozent an, indem junge weibliche Talente gezielt gefördert werden sollen. Der stille Protest an Bord der Swiss-Maschinen zeigt, dass sich nationale Identitäten nicht einfach per Vorstandsbeschluss auflösen lassen, selbst wenn der Mutterkonzern die operativen Fäden fest in der Hand hält.
