FRANKFURT - In den Metadaten offizieller Mitteilungen des Lufthansa-Konzerns wurde aufgedeckt, dass die Liquidation der Regionaltochter Lufthansa CityLine bereits mindestens fünf Monate vor ihrer Umsetzung geplant war. Dies widerspricht den Angaben des Vorstands, wonach die Betriebseinstellung eine unvorhergesehene Reaktion auf zurückliegende Streiks gewesen sei. Nach einer Mitteilung der Kabinengewerkschaft UFO vom 28. Mai 2026 verhandelt der Konzern nun aktiv über die endgültige Schließung der Regionalfluggesellschaft. Diese Entwicklung folgt auf eine Betriebsversammlung am 22. Mai 2026 im Hilton Airport in Frankfurt, bei der die Beschäftigten die Geschäftsführung mit dem zeitlichen Ablauf der Betriebsstillegung konfrontierten. Während der Versammlung legten Arbeitnehmervertreter offen, dass die elektronische Datei zu den Auswirkungen der „vorübergehenden“ Betriebsschließung bereits im November 2025 erstellt wurde. Dieser Zeitstempel liegt fünf Monate vor der tatsächlichen Einstellung des Flugbetriebs im April 2026. Die Personalvertreter betonten, dass dieser zeitliche Vorlauf die Darstellung des Vorstands von einer spontanen Krisenentscheidung als äußerst unplausibel erscheinen lässt. Die Geschäftsführung erklärte hierzu, man habe lediglich eine bestehende Dokumentenvorlage genutzt und die Dateieigenschaften nicht aktualisiert. Gewerkschaftsvertreter sagten, diese Erklärung sei mathematisch unvereinbar mit der extrem kurzen Kette von Ereignissen, die das Management für den Tag der Schließung vorgab. Der zeitliche Ablauf Die Analyse der Personalvertretung zeigte, dass für den offiziellen Zeitplan des Vorstands alle entscheidenden Schritte am 16. April 2026 innerhalb von nur 30 Minuten hätten erfolgen müssen. In diesem kurzen Fenster hätten die Information der Gremien, die Kündigung des Cargo-Geschäfts, die Produktion eines internen Studio-Videos und die Berechnung des Business Case zeitgleich stattfinden müssen. Die Enthüllungen legen nahe, dass die Konzernleitung einen sechstägigen Streik der Kabinenbesatzung als Vorwand nutzte, um eine bereits beschlossene Liquidation umzusetzen. Dieses Vorgehen, gewerkschaftlich organisierte Flugbetriebe aufzulösen, um Tarifverträge zu umgehen, entspricht einer etablieten Konzernstrategie. Der Konzern greift regelmäßig auf Umstrukturierungen zurück, um Arbeitsbedingungen zu senken. Dieses Muster wurde bereits in unserer Untersuchung dargelegt, wie [Lufthansa Tochtergesellschaften gegen die Arbeitnehmerschaft instrumentalisiert](/de/article/gtLjDSYD_how-lufthansa-weaponizes-subsidiaries-against-labor). Durch die Schließung einer etablierten Marke will der Vorstand den Flugbetrieb auf kostengünstigere Plattformen verlagern. Die Reduzierung der Regionalkapazitäten hat bereits gravierende Auswirkungen auf das gesamte Streckennetz. Der Wegfall der CityLine-Flotte im Sommerflugplan trug direkt zu [massiven Fehlern bei der Flugplanung bei, die Hunderte Flüge am Boden hielten](/de/article/sMJXUtBM_scheduling-failures-ground-hundreds-of-flights) und am 1. Juni Tausende Passagiere an den Drehkreuzen Frankfurt und München strandeten ließen. Operative Sabotage Die Veröffentlichung der Gewerkschaft deckte zudem die Hintergründe zur Einstellung des Frachtflugbetriebs auf. Während das Management zuvor erklärte, die Frachttochter Lufthansa Cargo habe die Wet-Lease-Verträge mit der CityLine gekündigt, gab die Gewerkschaft bekannt, dass die CityLine-Geschäftsführung die Flüge eigenständig einstellte. Das Management erklärte auf der Versammlung, man habe die Durchführung nach dem sechstägigen Streik nicht mehr sicherstellen können. Die UFO betonte jedoch, dass zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Arbeitskämpfe angekündigt waren, was auf eine bewusste Entscheidung des Arbeitgebers zur Beschleunigung der Schließung hindeutet. Der Liquidationsprozess steuert nun auf das Ende zu, wobei die Verhandlungen über einen Interessenausgleich und Sozialplan bis zum 30. September 2026 terminiert sind. Dieser Zeitplan deutet darauf hin, dass mit betriebsbedingten Kündigungen des fliegenden Personals vor dem Herbst nicht zu rechnen ist. In der Zwischenzeit verbleiben die Besatzungen in einer bezahlten Freistellung. Die Beschäftigten erhalten jedoch nur ihr Grundgehalt und die Flugzulage, während der Konzern die Auszahlung fiktiver Mehrflugstunden verweigert, die bei einer Fortführung des Betriebs angefallen wären. Die „FOMO“-Abwertung Um die Folgen der Schließung abzufedern, verweist das Management die betroffenen Mitarbeiter auf Einzelbewerbungen bei der neu gegründeten City Airlines. Dieser neue Zubringer operiert unter flexibleren Tarifverträgen, die mit einer branchenfremden Dienstleistungsgewerkschaft anstelle von spezialisierten Luftfahrtgewerkschaften geschlossen wurden. Diese Transferstrategie ähnelt früheren Manövern im Konzern, wie der [gescheiterten Übertragung von Austrian-Airlines-Flügen auf Tyrolean Airways](/de/article/4yJKuejg_failed-tyrolean-strategy-applied-to-cityline-transition) in 2012. Dieser historische Versuch, Lohnarbitrage zu betreiben, wurde letztlich von europäischen Gerichten für rechtswidrig erklärt. Auf der Versammlung fragten Mitarbeiter, warum sie beim Wechsel zur neuen Gesellschaft auf ihre Betriebszugehörigkeit und die tarifliche Absicherung verzichten müssten. Die Geschäftsführung tat diese Existenzängste als „FOMO“ ab (ein Begriff aus dem Jugendslang, der für die Angst steht, etwas zu verpassen). Die Gewerkschaft bezeichnete diese Wortwahl als geschmacklos und herablassend gegenüber einer Belegschaft, die den Betrieb über Jahrzehnte getragen hat. Eine Flugbegleiterin mit 33 Dienstjahren bei der CityLine erklärte unter lautem Applaus der Anwesenden, dass die Belegschaft dem Vorstand keinerlei Zusagen mehr glaube. Tarifliche Erpressung Das Management versuchte zudem, den Konflikt für Zugeständnisse beim Mutterkonzern zu nutzen. Führungskräfte deuteten an, dass eine Integration der CityLine-Besatzungen in die Lufthansa-Hauptlinie nur dann infrage komme, wenn die Gewerkschaft Zugeständnisse beim dortigen Manteltarifvertrag mache. Gewerkschaftliche Verhandler sagten, dies sei ein Versuch, verschiedene Beschäftigtengruppen gegeneinander auszuspielen, da der Konzern kein konkretes Übernahmeangebot vorgelegt habe. Gleichzeitig blockiert der Konzern weiterhin die berufliche Neuorientierung freigestellter Mitarbeiter durch strenge Auflagen bei Nebentätigkeiten. Zwar genehmigt das Unternehmen inzwischen einfache Tätigkeiten wie die Herstellung von Hundehalsbändern oder Arbeiten im Solarbereich, behindert jedoch die Aufnahme von fliegerischen Tätigkeiten bei Wettbewerbern. Dies schränkt die Möglichkeit der qualifizierten Kräfte ein, ihre Lizenzen unabhängig vom Konzern aufrechtzuerhalten. Für Passagiere bedeuten die anhaltenden Spannungen und der Abbau erfahrener Besatzungsreserven ein erhebliches Risiko für die Zuverlässigkeit des Sommerreiseverkehrs. Da der Vorstand weiterhin die Steigerung der Rendite priorisiert, bleibt die operative Stabilität der Drehkreuze stark gefährdet.
